Interview mit  Dr. Hamid Peseschkian

Im Mai 2013 erscheint das  neue Buch von Dr. med. habil. Hamid Peseschkian und Co-Autor Arno Remmers:  „Positive Psychotherapie“ im Reinhardt Verlag.

Hintergrund und Inhalt des Buches:

Die Positive Psychotherapie wurde von Nossrat Peseschkian (*18.06.1933, gest. 27.04.2010) entwickelt und ist fachlich dem Bereich der humanistisch Psychodynamischen Psychotherapie zugeordnet. Sie sieht Störungen und Krankheitssymptome nicht als Störfaktor, sondern als Fähigkeit, innere Konflikte zu leben.

Die Therapie begleitet die Patienten, verborgene, zum Leiden führende Konfliktinhalte zu verstehen und die zu ihrer Lösung vorhandenen Fertigkeiten zu entwickeln. Erst wenn die Funktion der Störungen und die in den inneren Konflikten enthaltenen, familiär geprägten Werte verstanden werden, ist dauerhafte Veränderung möglich. Therapiegrundlage ist das humanistische Menschenbild, welches davon ausgeht, dass jeder Mensch von Natur aus gesund ist und nur eine Störung oder Fehlfunktion in einem Bereich vorliegt.

Die Positive Psychotherapie setzt neben vielen weiteren Baukästen auch Geschichten und Sprichworte ein. Mit deren Hilfe kann der Patient Widerstände brechen, die ihn von seiner durch das Symptom eingeschränkten Sicht befreien. Der Patient kann einen veränderten Standpunkt einnehmen, aus sich heraus handeln, seine Entwicklungspotentiale wahrnehmen und ausschöpfen. Er entdeckt und aktiviert seine eigenen Ressourcen zur Lösung.

Birgit M. Widmann sprach mit Herrn Dr. Peseschkian:

bw: Was war Hintergrund für das neue Buch – Positive Psychotherapie?

hp: Es gibt von meinem Vater Nossrat Peseschkian, dem Gründer dieser Therapieform 26 Bücher über das Thema Positive Psychotherapie. Diese entstanden ab den 70iger Jahren. Mit meinem Co-Autor Arno Remmers gemeinsam versuchten wir, viele dieser Inhalte in einem Werk unter Berücksichtigung der aktuellen Entwicklungen darzustellen. Mit dem Buch bieten wir einen Einstieg in die Methode für Menschen, die sich näher damit auseinandersetzen möchten und Anleitung zur Selbsthilfe suchen.

Für wen ist das Buch geeignet?

Es ist sowohl für Therapeuten als auch für Klienten / Patienten ein guter Einstieg in die Thematik. Das Buch gibt einen detaillierten Überblick über die Möglichkeiten und Tipps, welches der 26 Bücher meines Vaters sich für die tiefergehende Betrachtung eignen.

Sie halten neben Ihrer Tätigkeit als Institutsleiter, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie auch Fachvorträge für das Management über Stressmanagement, Energiehaushalt, Work-Life-Balance und Burn-Out. Kommen hier Ihre Ansätze der Positiven Psychotherapie zum Tragen?

Das Herzstück der Positiven Psychotherapie ist das in den 80ger Jahren entwickelte Balancemodell, bei dem es um die richtige Relation in den vier Lebensbereichen Gesundheit, Arbeit, Beziehungen und Sinn des Lebens geht. Stellt man sich für dieses Modell eine Raute vor, so sollte man nicht mehr als 25% seiner Energie (damit ist nicht Zeit gemeint) in jeweils einen der Bereiche legen.

Dieser Ansatz war Grundlage für weitere nationale und internationale Zeit- und Stressmanagementmodelle. Viele Zeitmanagementberater arbeiten nach dieser Methode bzw. leiteten davon ihre Vorgehensweisen ab. Das Besondere an dem Ansatz ist, dass er tiefsinnig und gleichzeitig einfach ist. Wir arbeiten damit erfolgreich international und in allen Bevölkerungsschichten. Erwachsene und Jugendliche aller Schichten verstehen diese Sprache. Sie ist verständlich und dadurch schnell umsetzbar. Das ist ein Faktor für den Erfolg.

Die Werke Ihres Vaters entstanden ab den 70ger Jahren. In Ihr neues Buch fließen Ihre neuen Erkenntnisse mit ein. Was hat sich aus Ihrer Sicht seit der Gründung der Therapieform weiterentwickelt und verändert?

Entwickelt wurde die Methode in Deutschland. Heute wird sie in verschiedenen Kulturen weltweit angewendet. In über 60 Ländern wurde sie vorgestellt und es gibt über 20 Institute, an denen mit der Positiven Psychotherapie gearbeitet wird. Aufgrund der verschiedenen Erfahrungswerte konnten wir sehen, mit welchen Veränderungen sich die Vorgehensweise in den einzelnen Ländern weiterentwickelte. Viele neue Aspekte flossen ein. Es zeigte sich, dass die Arbeit mit Geschichten und Sprachbildern wichtig ist und sich positiv bewährte, so auch die Einbeziehung der Familie. Neue Anwendungsbereiche im Stressmanagement und in der Managementberatung kamen hinzu.

Im Vergleich zu früher sind heutige Patienten oft aufgeklärter, sie lesen und informieren sich vorab, so dass kürzere Gesprächstermine und Beratungen möglich werden. Die Psychotherapie dient oft als Anleitung zur Selbstreflexion, viele benötigen heute nur eine Beratung, mit anderen kann man mithilfe der Bibliotherapie und mit Empfehlungen von  Selbsthilfebüchern Themen erarbeiten, andere besprechen die Unstimmigkeiten mit der Familie, einige wenige benötigen eine tiefere Therapie.
Die Positive Psychotherapie bietet hier viele Methoden an, die man als Therapeut sowohl in der Verhaltens- als auch in der Tiefenpsychologie anwenden kann. Ausgegangen wird von dem humanistischen positiven Menschenbild, also der Fähigkeit selbst gesund zu werden und sein Leben eigenverantwortlich in die Hand zu nehmen. Das entspricht dem heutigen Zeitgeist. Die Leute möchten vieles selbst lösen und suchen keine langjährigen Therapien mehr, bei denen ihnen gesagt wird, was sie machen sollen. Es sind aktive, mündige Patienten.

Unser Buch bietet verschiedene Themen und Modelle an. Es ist auch als eine Anleitung zur Selbsthilfe anwendbar. So wird die Arbeit mit dem Balancemodell erklärt, bestimmte Fragenkataloge erfassen Grundkonflikt und frühere Familiengeschichte und ein Leitfaden führt durch das Erstinterview, auch gut geeignet als Anleitung zur Selbsthilfe.

Das Erzählen von Geschichten und Fabeln geht aus meiner Sicht weit zurück in alte Kulturkreise, um Geschichten hinter den Geschichten zu vermitteln. Sind Geschichten und Fabeln für Sie der  indirekte Zugang zum wahren Kern?

Die eigentliche Idee des Geschichtenerzählens war eine Art Volkspsychotherapie. In Westeuropa haben wir diese Fähigkeit leider vernachlässigt bzw. fast verloren.. So versuchtauch der Patient, seine Probleme rational zu lösen. Wenn er es nicht schafft, geht er zum Fachmann oder zur Fachfrau, aber nicht um erneut über den Verstand sein Problem zu lösen.

Geschichten und Spruchweisheiten öffnen sozusagen „das Tor zur Phantasie des Patienten“. Dadurch können sich neue Möglichkeiten für sein Problem ergeben, an die der Patient vorher gar nicht gedacht hat oder er entdeckt ein neues Modell, wie er auch anders mit seinem Problem umgehen kann. Geschichten und Spruchweisheiten machen es sehr leicht und reduzieren den Widerstand und die Abwehr des Patienten. Vieles kann man über Geschichten mitteilen. Es gibt Leute, die können damit sehr gut arbeiten, andere bekommen hierüber langsam wieder Zugang in ihre Fantasiewelt. Wir gehen davon aus, dass jeder diesen Zugang hat. Wenn man es schafft, rational Denkende durch ein paar Geschichten aufzulockern, dann können diese plötzlich ganz neue Fähigkeiten an sich entdecken, die sie vorher gar nicht kannten. Mein Vater war hier Meister in seinen Vorträgen.
In unserem neuen Buch werden die besonderen Geschichten aus dem Buchbestseller meines Vaters „Der Kaufmann und der Papagei“ hervorgehoben. Das Originalbuch bietet 100 Geschichten, mit denen heute viele Therapeuten arbeiten.

Humor spielt für Sie eine große Rolle. Wie stufen Sie dies in Ihrem Buch ein?

Ein Spruch meines Vaters war: „Wenn der Patient nicht mindestens dreimal in einer Sitzung gelacht hat, dann war die ganze Sitzung umsonst.“ Er hat dies wirklich gelebt. Egal, welche Störung sein Gegenüber hatte – diese Regel war ihm ein wichtiger Effekt. Heutige Forschungsergebnisse aus den USA belegen diese positive Wirkung des Humors.
Erfolg in der Psychotherapie hat viel mit Hoffnung zu tun. Das ist einer der vier Wirkfaktoren*. Hoffnung, dass sich die Sache ändern kann, dass wir eine Lösung finden. Das wiederum gibt neue Kraft. Und das hängt mit Humor zusammen. Das gilt auch stark für meine Gespräche mit Patienten. Ich nehme mein Gegenüber als Person sehr ernst, die Geschichte selbst nicht immer so tragisch. Viele Kollegen sind als Gesprächspartner oft selbst ernst und depressiv. Das macht es schwer. Aufzulockern, das ist eine der Hauptanforderungen der Positiven Psychotherapie. Dass der Patient auch sieht, dass man nicht nur  ernst an die Sache rangehen muss. Oft hilft die Betrachtung mit Humor und mit Respekt, so dass der Patient wirkliche Hoffnung fassen kann. Wir fragen oft schon nach der ersten Sitzung: „ Sagen Sie mal, wenn Sie das Problem nicht mehr hätten, was würden Sie machen? Stellen Sie sich vor, wir würden die Probleme lösen?“ Der Patient bemerkt, dass der Therapeut die Möglichkeit sieht, dass er aus seiner Spirale herauskommt. Diese Hoffnung alleine mobilisiert bereits seine Kräfte und damit seine Selbstheilungskräfte.

„Das Menschenbild des  Therapeuten ist ein entscheidender Faktor. Wie sehe ich den Patienten? Sehe ich ihn nur krank?“

Viele denken, die Methode wäre in der Therapie das Wichtigste. In Wirklichkeit kommt es jedoch sehr auf die therapeutische Beziehung und auf das Menschenbild des Therapeuten an.
Man weiß heute, dass Hoffnung nur in einer guten Beziehung entstehen kann. Diese mobilisiert die Eigenkräfte des Patienten. Dass so eine Beziehung möglich ist, setzt ein humanistisches Menschenbild voraus. Hier geht man als Therapeut davon aus, dass jeder Mensch, der zur Beratung kommt, von Natur aus gesund ist. Er hat eine Fülle von Fähigkeiten, die teilweise irgendwie verschütt gegangen sind. So wie eine Sonne hinter Wolken verschwinden kann. Obwohl man sie nicht mehr erkennt, sind sie da. Manchmal wirke ich als Therapeut wie ein Katalysator, um diese verschütteten Eigenschaften zu mobilisieren. Dann kann der Patient selbst vieles machen.
Der Therapeut wirkt bei der Positiven Psychotherapie nicht als Halbgott in weiß, der dem Patienten sagt, was er zu tun hat, sondern der Patient bekommt die Möglichkeit, seine eigenen Fähigkeiten zu entwickeln, beispielsweise auch in Krisensituationen das Bestmögliche zu tun.

Welche Erfahrungen haben Sie über die Dauer der Therapie? 

Im Jahre 1997 wurde mit der Positiven Psychotherapie eine Wirksamkeitsstudie durchgeführt, die aufzeigte, dass für 70 bis 80% der Patienten eine Dauer von 30 bis 35 Sitzungen ausreichend ist. Das entspricht einer Therapiedauer von einem Jahr bei einer Sitzung pro Woche. Das ist um ein vielfaches kürzer. Hilfreich ist es,  wenn der Patient eine aktive Rolle übernimmt und zu Hause z.B. durch „Hausaufgaben“ und Bücheran seiner Thematik arbeitet. Zum Vergleich geht man in der Tiefenpsychologie in Deutschland von 50-100 Sitzungen aus.

Was wünschen Sie sich persönlich von der zukünftigen Entwicklung in der Psychotherapie?

Ich hoffe und wünsche mir, dass man mit der Psychotherapie bereits im prekär prophylaktischen, vorbeugenden Bereich beginnt. Im Moment laufen wir eher der Entwicklung hinterher und fangen an, wenn das Kind schon in die Grube gefallen ist. Ich wünsche mir, dass wir bereits früher, im Sinne von Lebensberatung und Lebensplanung ansetzen können. Ruhig mit dem Hintergrund der therapeutischen Einsichten, weil diese sehr wichtig sind. Wir bieten zum Beispiel in unserem Institut bereits Seminare an für die Vorbereitungen zur Partnerwahl und empfehlen Anleitungen für das Familienleben. Wir behandeln verschiedene Fragestellung, beispielsweise was man machen kann, damit es nicht zum Burnout kommt. Das sind Beispiele und für die Gesellschaft wichtige Themen im Vorfeld.
Die meisten Menschen beschäftigen sich erst damit, wenn sie selbst in eine Krise geraten. Das ist oft gut, besser wäre es, vorbeugend zu agieren. Das heutige Therapiesystem greift erst,  danach und dann ist es meistens schon zu spät. Wenn ich die Kindheit erst im Erwachsenenalter aufarbeiten kann, dann bin ich 30 Jahre zu spät dran. Wenn wir alle Erkenntnisse in Form von Aufklärung in die Schulen, Familien und in die Betriebe bringen könnten, dann verringern sich sicher die Erziehungsprobleme, Ehescheidungen und Erschöpfungszustände. In der vorbeugenden Beratung sehe ich einen ganz großen Bedarf und es wird aus meiner Sicht zukünftig auch dahin führen.

Zu den Autoren des Werkes:

Dr. Hamid Peseschkian ist Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie. Er ist geschäftsführender Institutsleiter der Wiesbadener Akademie für Psychotherapie (WIAP), Präsident des Weltverbandes für Positive Psychotherapie und Managementberater in den Bereichen Work-Life-Balance,  Stressbewältigung und Konfliktmanagement.

Dr. Arno Remmers ist Facharzt für Allgemeinmedizin und Psychotherapie. Er ist Dozent und Supervisor an der Wiesbadener Akademie für Psychotherapie (WIAP) und Vorstandsmitglied des Weltverbandes für Positive Psychotherapie. Er hält international Vorträge und Seminare zu Themen der Positiven und der psychodynamischen Psychotherapie.

Das Interview führte Birgit M. Widmann

 

BUchtitel Peseschkian Remmers - Positive Psychotherapie
Buch: Peseschkian, Hamid / Remmers, Arno ,
Positive Psychotherapie
ISBN 978-3-497-02345-5
www.reinhardt-verlag.de // 2013
Erscheinungsdatum Mai 2013
Preis: ca. € [D] 24,90 / € [A] 25,60 / SFr 35,50

 

*Die Erfolgsfaktoren in der Psychotherapie die sogenannten BIG FOUR aus den USA sind die therapeutische Beziehung, die extratherapeutischen oder Klient-Faktoren, das Prinzip Hoffnung und die eingesetzte Therapiemethode.
Zitate:
„Der Mensch wird oft auf seine Krankheit reduziert. In der Positiven Psychotherapie sehen wir den Menschen als Ganzes. Nur ein Bereich ist erkrankt. Das alleine schafft schon sehr viel Hoffnung.“